26. Januar 2023 | Ökologische Transformation
Deutschland muss bei der Energiewende erheblich nachlegen
Christian Schneemann, Enzo Weber, Marc Ingo Wolter, Gerd Zika

Die Bundesrepublik steht vor einer der größten Transformationen seit mehr als 100 Jahren. Die Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag vom Dezember 2021 eine klimapolitische Neuausrichtung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Zugleich hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zu einer auch von Bundeskanzler Olaf Scholz als solche bezeichneten „Zeitenwende“ in der deutschen und europäischen Geo-, Sicherheits- und Energiepolitik geführt.
Eine Folge davon könnte ein beschleunigter Umbau des gesamten Energiesektors sein. Dabei müssen nicht nur die Primärenergieträger Kohle, Gas und Öl durch erneuerbare Energien (Wind, Wasser, Sonne, Biomasse, Geothermie) ersetzt, sondern auch neue Sekundärenergieträger (Wasserstoff) in die Produktionsweise der Unternehmen integriert werden.
Der volkswirtschaftliche Kapitalstock muss sich grundlegend wandeln
Damit muss sich auch der Kapitalstock der Volkswirtschaft grundlegend wandeln. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Cracker in der chemischen Industrie, welche fossile Rohstoffe für die Weiterverarbeitung in ihre Bestandteile zerlegen. Diese Anlagen haben gewöhnlich Nutzungsdauern von mehr als 30 Jahren. Sie müssen nun teilweise ausgetauscht werden, da die Wärme weniger aus fossilen Brennstoffen erzeugt wird und zum Beispiel Erdöl oder Gas als zur Zerlegung anstehendes Ausgangsmaterial zunehmend ersetzt werden. Somit sind in den kommenden Jahren massive Investitionen erforderlich, um den bestehenden Kapitalstock nicht nur zu erneuern, sondern gänzlich neu aufzustellen. Hinzu kommen die Investitionen in erneuerbare Energien.
Der Umbau ist aber nicht auf den industriellen Kern beschränkt. Die privaten Haushalte und das übrige Gewerbe müssen insbesondere ihre Gebäudesubstanz energetisch sanieren und ertüchtigen. Neue Fenster, Dächer und Fassaden sind genauso Teil dieser Aufgabe wie neue Heizungsanlagen (zum Beispiel Wärmepumpen) und die Ausrüstung des Gebäudebestandes etwa mit Photovoltaik und Solarthermie. Dabei wird die dezentrale Stromerzeugung die Energieinfrastruktur vor andere Herausforderungen stellen als die derzeit vorherrschende zentrale Versorgungsstruktur. Auch die Mobilität in Deutschland wird sich grundlegend wandeln müssen. In jedem Fall werden Investitionen und Verhaltensänderungen dazu führen, dass sich die Beschäftigungssituation in vielen Branchen und Berufen wandelt.
Die Herausforderungen der Transformation am Beispiel der Grundstoffchemie
Vor welchen Herausforderungen uns die Transformation stellt, lässt sich exemplarisch im Bereich der Grundstoffchemie zeigen. Der mit 45,4 Prozent heute noch recht große Anteil fossiler Energien am gesamten Energieverbrauch muss bis 2045 vollständig heruntergefahren werden, wenn das Ziel der CO2-Neutralität erreicht werden soll (siehe Abbildung 1, die eine mögliche Entwicklung aufzeigt). Hierzu müsste vermehrt Strom aus erneuerbaren Energien eingesetzt werden. Zudem müssen neue, heute noch kaum eingesetzte Energieträger wie Wasserstoff in großem Stil hinzukommen.
Mit der notwendigen Veränderung des Energiemixes ändern sich Kapitalstock und Produktionsweise in diesem Bereich fundamental. Dabei ist heute noch nicht sicher, ob etwa in der Grundstoffchemie zu großen Teilen Strom eingesetzt oder der fossile Teil vollständig durch Wasserstoff ersetzt werden wird.

Das QuBe-Prognosemodell wurde um Energiedaten erweitert
Aus ökonomischer Sicht stellt sich die Frage, wie sich die beschriebenen ökologischen Transformationsprozesse abbilden und deren Auswirkungen auf Ökonomie und Arbeitsmarkt quantifizieren lassen. Eine Ausgangsbasis bieten hier die Berechnungen, die das IAB gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern, dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB ) und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS), im Rahmen des Projekts „Qualifikation und Beruf in der Zukunft“ (QuBe) seit vielen Jahren durchführt, um einen Überblick über die voraussichtliche langfristige Entwicklung des Arbeitskräftebedarfs und -angebotes nach Qualifikationen und Berufen zu gewinnen.
Für die 7. Welle wurde das zugrundeliegende Modell um Daten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanz erweitert. Dadurch fließen nunmehr auch Veränderungen in der Energieerzeugung, -umwandlung und -verwendung in die Berechnungen ein. Denn diese sind wichtige Treiber und Impulsgeber für Veränderungen der Wirtschaft und des Arbeitsmarkts (siehe Infokasten „Daten und Methoden“).
Mithilfe dieses erweiterten Modells lässt sich das Tempo der Transformation abschätzen. Es gibt also Aufschluss darüber, ob die Umsetzung der bislang beschlossenen Maßnahmen ausreichen würde, um die CO2-Neutralität in der vorgesehenen Zeit zu erreichen. Es erlaubt somit, den Stand der Transformation für die Sektoren Industrie, Verkehr und Haushalte empirisch zu überprüfen.
Das Ziel der CO2-Neutralität bis 2045 wird nach derzeitigem Stand deutlich verfehlt
Tatsächlich zeigt das Modell in seiner Basisprojektion: Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich der gesamtwirtschaftliche Energieverbrauch deutlich hin zu erneuerbaren Energieträgern verschoben (siehe Abbildung 2). Dennoch ergeben die Berechnungen, dass fossile Energieträger – ausgehend von den derzeit beschlossenen Maßnahmen und den heute absehbaren Entwicklungen – im Jahr 2045 immer noch rund 40 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Energiebedarfs abdecken werden. Dabei bildet die QuBe-Basisprojektion neben den historischen Veränderungen alle gesetzlichen Beschlüsse bis zum Juni 2022 ab. Auf dieser Basis würde also die für 2045 angestrebte Netto-Treibhausgas-Neutralität deutlich verfehlt. Es müssen daher in jedem Fall zusätzliche Potenziale aktiviert werden, damit das Ziel dennoch erreicht werden kann.

Fazit
Die Erschließung weiterer Potenziale wäre durchaus denkbar, wenn der Übergang zu erneuerbaren Energien durch die kürzlich gefassten und in den Berechnungen noch nicht berücksichtigten Beschlüsse (wie das seitens der Europäischen Union beschlossene „Aus“ für Verbrennungsmotoren für Benzin und Diesel bis 2035) und die jüngsten Erfahrungen mit exorbitant hohen Gaspreisen nochmals beschleunigt wird. So könnten für die Wärmeerzeugung künftig noch mehr Wärmepumpen und erneuerbare Energien eingesetzt werden als bislang prognostiziert.
Private Haushalte könnten nun noch stärker auf energetische Sanierung setzen und Unternehmen den Umbau ihres Kapitalstocks mit dem Ziel der Dekarbonisierung nochmals forcieren. Dazu bedarf es entschiedener Maßnahmen für die Energiewende, also einer öffentlichen Förderung privater Investitionen, staatlichen Infrastrukturinvestitionen und zusätzlicher Anreize über die akute Phase der Energiekrise hinaus.
Die im IAB-Forschungsbericht 3/2022 veröffentlichten Ergebnisse von Gerd Zika und anderen zeigen, wie zentral eine entsprechende Fachkräftestrategie seitens der Politik für die Umsetzung der Energiewende ist. Denn für die Transformation werden hunderttausende zusätzliche Stellen und damit Arbeitskräfte in Bereichen wie Elektro-, Klima- und Heizungstechnik benötigt. In vielen dieser Branchen bestehen aber schon heute teils gravierende Engpässe.
Der Bericht macht außerdem deutlich, dass sich die Klimaschutzmaßnahmen wirtschaftlich positiv auswirken. Demnach dürfte das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2030 insbesondere dank gestiegener Investitionen um rund 1,2 Prozent höher ausfallen. Auf ähnliche wirtschaftliche Potenziale verweisen QuBe-Studien zur Transformation der Mobilität und der Wasserstoffwirtschaft (lesen Sie dazu auch eine 2021 von Anke Mönnig und anderen publizierte Studie sowie eine 2023 von Johanna Zenk und anderen veröffentlichte Analyse). In der Umsetzung der Transformation liegt also nicht nur eine ökologische, sondern auch eine ökonomische Chance (zu diesem Fazit gelangt auch Enzo Weber in einem aktuellen Debattenbeitrag für das IAB-Forum).
Literatur
Becker, Lisa; Bernardt, Florian; Bieritz, Loreto; Mönnig, Anke; Parton, Frederik; Ulrich, Philip und Wolter, Marc Ingo (2022): INFORGE in a Pocket. GWS-Kurzmitteilung Nr. 2.
Bernardt, Florian; Helmrich, Robert; Hummel, Markus; Parton, Florian; Schneemann, Christian; Steeg, Stefanie; Ulrich, Philip; Zika, Gerd (2022): "MoveOn" IV: Effekte eines veränderten Mobilitätsverhaltens auf die Erwerbstätigkeit aus regionaler Perspektive. IAB-Forschungsbericht Nr. 1.
Maier, Tobias; Kalinowski, Michael; Zika, Gerd; Schneemann, Christian; Mönnig, Anke; Wolter, Marc Ingo (2022): Es wird knapp. Ergebnisse der siebten Welle der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsprojektionen bis zum Jahr 2040. BIBB Report Nr. 3.
Mönnig, Anke; von dem Bach, Nicole; Helmrich, Robert; Steeg, Stefanie; Hummel, Markus; Schneemann, Christian; Weber, Enzo; Zika, Gerd; Wolter, Marc Ingo (2021): "MoveOn" III: Folgen eines veränderten Mobilitätsverhaltens für Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Wissenschaftliche Diskussionspapiere/Bundesinstitut für Berufsbildung 230.
Von dem Bach, Nicole; Helmrich, Robert; Hummel, Markus; Mönnig, Anke; Schneemann, Christian; Steeg, Stefanie; Weber, Enzo; Wolter, Marc Ingo; Zika, Gerd (2020): „MOVEON“ II – Grundlagen eines Szenarios zum künftigen Mobilitätsverhalten. IAB-Forschungsbericht Nr. 10.
Weber, Enzo (2022): Den Kopf aus dem Sand! In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2022, S. 16.
Weber, Enzo (2023): Grüne Energie ist die Zukunft der deutschen Industrie. In: IAB-Forum, 19.01.2023.
Zenk, Johanna; Mönnig, Anke; Ronsiek, Linus; Schneemann, Christian; Schur, Alexander Christian; Steeg, Stefanie (2023): Erste Abschätzung möglicher Arbeitsmarkteffekte durch die Umsetzung der Nationalen Wasserstoffstrategie bis 2030. BIBB discussion paper/Bundesinstitut für Berufsbildung.
Zika, Gerd; Bernardt, Florian; Hummel, Markus; Kalinowski, Michael; Krebs, Bennet; Krinitz, Jonas; Maier, Tobias; Mönnig, Anke; Parton, Frederik; Schneemann, Christian; Steeg, Stefanie; Studtrucker, Maximilian; Ulrich, Philip; Wolter, Marc Ingo (2021): Die Auswirkungen der Klimaschutzmaßnahmen auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Forschungsbericht 526/5.
Zika, Gerd, Tobias Maier, Anke Mönnig, Christian Schneemann, Stefanie Steeg, Enzo Weber, Marc Ingo Wolter; Krinitz, Jonas (2022): Die Folgen der neuen Klima- und Wohnungsbaupolitik des Koalitionsvertrags für Wirtschaft und Arbeitsmarkt. IAB-Forschungsbericht Nr. 3.
doi: 10.48720/IAB.FOO.20230126.01
Zitationshinweis
Schneemann, Christian; Weber, Enzo; Wolter, Marc Ingo; Zika, Gerd (2023): Deutschland muss bei der Energiewende erheblich nachlegen, In: IAB-Forum 26. Januar 2023, https://forum-f.iabpro.de/deutschland-muss-bei-der-energiewende-erheblich-nachlegen/, Abrufdatum: 6. September 2026
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