22. Februar 2024 | Betriebliche Arbeitswelt
Weiterbildung in der Covid-19-Krise: Nicht alle profitieren gleichermaßen vom Ausbau des E-Learnings

In der Covid-19-Krise gingen die betrieblichen Weiterbildungsaktivitäten erheblich zurück. Dies lag neben den Erfordernissen des Infektionsschutzes auch an der verschlechterten wirtschaftlichen Situation beziehungsweise der gestiegenen wirtschaftlichen Unsicherheit vieler Betriebe. Wie Ramona Jost und Ute Leber in einem Beitrag für das IAB-Forum aus dem Jahr 2021 gezeigt haben, waren davon nicht alle Branchen und Beschäftigten gleichermaßen betroffen. So nahmen vor allem geringqualifizierte Beschäftigte seltener an betrieblicher Weiterbildung teil als vor der Krise.
Zugleich hat die Hälfte der weiterbildenden Betriebe in der Krise E-Learning-Formate genutzt, um dem Einbruch der Weiterbildungsaktivitäten entgegenzuwirken. Im Folgenden wird aufgezeigt, inwieweit dies gelungen ist. Dabei zeigt sich: Nicht alle Beschäftigtengruppen haben gleichermaßen vom Ausbau der E-Learning-Formate profitiert.
Die Covid-19-Krise unterscheidet sich deutlich von früheren Krisen
Wie Simon Janssen und Ute Leber in einem 2021 erschienenen Beitrag für das IAB-Forum gezeigt haben, unterscheidet sich die Covid-19-Krise in ihrer Wirkung auf betriebliche Weiterbildungsaktivitäten von früheren Krisen, etwa der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009. Die Unternehmen setzten in der Covid-19-Kriese pandemiebedingt noch sehr viel häufiger Kurzarbeit ein als seinerzeit. Hierbei bot E-Learning Unternehmen eine Möglichkeit, Phasen der Kurzarbeit dafür zu nutzen ihre Beschäftigten weiterzubilden. Die Krise traf diesmal insbesondere die Dienstleistungsbranche, wo der Einsatz von E-Learning sehr viel häufiger als im produzierenden Gewerbe zu finden ist.
Die Betriebe sehen sich darüber hinaus mit einem immer schnelleren Wandel der Arbeitswelt konfrontiert, der sich durch den pandemiebedingten Digitalisierungsschub nochmal beschleunigt hat. Daher müssen die Unternehmen ihre Arbeitskräfte durch Weiterbildung befähigen, den stetig steigenden Anforderungen in der Arbeitswelt gerecht zu werden. Ein weiterer Unterschied zur Wirtschafts- und Finanzkrise besteht darin, dass es nun vielen Branchen möglich war, der Krise durch den verstärkten Einsatz von Homeoffice zu begegnen.
In diesem Kontext wurden auch E-Learning-Formate in der Covid-19-Krise massiv ausgebaut, um trotz pandemiebedingter Kontaktverbote betriebliche Weiterbildung zu ermöglichen. Aufschlussreich ist hier eine neue Betriebsbefragung des IAB (siehe Infokasten „IAB-IZA-ZEW-Betriebsbefragung ‚Arbeitswelt 4.0'“). Allerdings ist das betriebliche Potenzial zur Nutzung von E-Learning höchst unterschiedlich. Vor allem Betriebe, deren berufliche Strukturen Homeoffice ermöglichen, konnten das Potenzial von E-Learning während der Covid-19-Krise ausschöpfen und so weiterhin betriebliche Weiterbildungen durchführen.
Die Weiterbildungsbeteiligung ist während der Covid-19-Krise stark zurückgegangen
In den Jahren vor der Pandemie lag der Anteil der Beschäftigten, die sich betrieblich weitergebildet haben, im Mittel bei jährlich etwa 35 Prozent pro Betrieb (siehe Abbildung 1). Von 2019 auf 2020 brach dieser Wert um 8 Prozentpunkte ein. Auffällig: Eine Gruppe von Betrieben konnte ihre betrieblichen Weiterbildungsaktivitäten entgegen dem allgemeinen Trend sogar ausbauen. Dabei handelt es sich um Betriebe mit hohem E-Learning-Potenzial (zur Abgrenzung siehe Infokasten), bei denen sich zugleich die Auftragslage während der Covid-19-Krise verbessert hat.

Demgegenüber reduzierten Betriebe, die in der Covid-19-Krise zwar ebenfalls eine gute Auftragslage, aber nur wenig Potenzial für die Nutzung von E-Learning hatten, ihre Weiterbildungsaktivitäten deutlich. Die Weiterbildungsquote sank dort um 8 Prozentpunkte auf 25 Prozent. Anders als in früheren Krisen bot also eine gute Auftragslage allein keine Gewähr für ein stabiles betriebliches Weiterbildungsengagement. Dies unterstreicht die hohe Bedeutung des virtuellen Raums während der Covid-19-Krise auch für den Bereich der Weiterbildung.
E-Learning bleibt relevant – dies dürfte Ungleichheiten in der Weiterbildungsbeteiligung verstärken
Eine im IAB-Forum veröffentlichte Studie von Lutz Bellmann und anderen aus dem Jahr 2021 zeigt, dass ein Fünftel der Betriebe die „Homeofficeoption" nach Ende der Covid-19-Krise sogar ausbauen wollte. Darunter befinden sich vornehmlich Großbetriebe. Insgesamt ist davon auszugehen, dass sich die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice und auch der Zugang zu E-Learning-Formaten für viele Beschäftigte weiter verbessern wird.
Hochqualifizierte Beschäftigte dürften diese Formate jedoch deutlich häufiger nutzen als geringqualifizierte. So war der Anteil der Akademiker*innen in Betrieben mit hohem E-Learning-Potenzial und guter Auftragslage während der Covid-19-Krise überproportional hoch (siehe Abbildung 2). Die Krise hat insoweit bereits bestehende Ungleichheiten bei der betrieblichen Weiterbildung verschärft, denn Hochqualifizierte hatten bereits vorher deutlich höhere Teilnahmequoten an betrieblicher Weiterbildung als Geringqualifizierte.

Fazit
Die Covid-19-Krise hat den deutschen Arbeitsmarkt vor weitreichende Herausforderungen gestellt. Da persönliche Kontakte möglichst vermieden werden mussten, waren auch Weiterbildungsaktivitäten in Präsenz stark eingeschränkt. Nur Betriebe, die in der Pandemie neben einer guten Auftragslage auch ein hohes E-Learning-Potenzial hatten, konnten ihre Weiterbildungsaktivitäten trotz der Krise ausbauen. In diesen Betrieben wiederum sind hochqualifizierte Beschäftigte stark überrepräsentiert.
Alle anderen Betriebe hingegen, in denen das Qualifikationsniveau im Schnitt niedriger ist, mussten ihre Weiterbildungsaktivitäten stark reduzieren. Die digitale Transformation von Weiterbildung birgt damit das Risiko, dass sich qualifikationsspezifische Ungleichheiten in der Weiterbildungsbeteiligung weiter verstärken.
Literatur
Alipour, Jean-Victor; Falck, Oliver; Schüller, Simone (2023): Germany’s capacity to work from home. European Economic Review 151: 104354.
Arntz, Melanie; Böhm, Michael; Graetz, Georg; Gregory, Terry; Johanning, Jan Moritz; Lehmer, Florian; Lipowski, Cäcilia; Matthes, Cäcilia; Niers, Nick (2023): Digitalisierung in der Covid-19-Pandemie: Corona hat den digitalen Graben zwischen den Betrieben vertieft. IAB-Kurzbericht Nr. 4/2023.
Bellmann, Lutz; Gleiser, Patrick; Hensgen, Sophie; Kagerl, Christian; Kleifgen, Eva; Leber, Ute; Moritz, Michael; Pohlan, Laura; Roth, Duncan; Schierholz, Malte; Stegmaier, Jens; Umkehrer, Matthias; Backhaus, Nils; Tisch, Anita (2021): Homeoffice in der Corona-Krise: leichter Rückgang auf hohem Niveau. IAB-Forum, 11.10.2021.
Janssen, Simon; Leber, Ute (2020): Weiterbildung in der Corona-Krise: E-Learning ist eine Chance für Unternehmen. IAB-Forum, 18.05.2020.
Jost, Ramona; Leber, Ute (2021): Die betriebliche Weiterbildung ist in der Corona-Krise massiv eingebrochen. IAB-Forum, 20.12.2021.
Bild: Puwasit Inyavileart/stock.adobe.com
Zitationshinweis
Müller, Christoph (2024): Weiterbildung in der Covid-19-Krise: Nicht alle profitieren gleichermaßen vom Ausbau des E-Learnings, In: IAB-Forum 22. Februar 2024, https://forum-f.iabpro.de/weiterbildung-in-der-covid-19-krise-nicht-alle-profitieren-gleichermassen-vom-ausbau-des-e-learnings/, Abrufdatum: 6. September 2026
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